
Page 454 • Click to zoom
Page 454 of 568
402 Sporadically, ethical ideas of a greater horizon are also found among the Greeks and Romans. Socrates, the history of the Gracchi, individual passages in Sophocles illuminate this sufficiently. However, since the entry of the Judaic spirit into the world, among an ever-growing number of adherents of all peoples, such an ethical heroism established itself that, to a large extent, the winning of these peoples for culture and for civilizational creation can be attributed to it alone. We must strictly separate Judaism, the free Jewish spirit, from Judaic studies, i.e., the science of the religious literature laid down in the holy books of the Jews, which is to be viewed merely historically. Certainly, the latter is a tremendously important factor for the education of the Jewish psyche; but still no more than time. Who can doubt that the thought was greater than its lasting expression? And yet this expression remains a powerful force in the whole world to this day. The spirit of the Bible has overthrown thrones and brought down priesthoods, it strengthened the Scottish Covenanter in difficult hours and bade the Puritan persevere in the ice and snow of a foreign land. — Through their teachings as through their deeds, such characters help to move humanity forward. Through everything that tradition tells us about his life, runs the one same great passion, the selfless striving to make humanity better, happier, nobler. And his death is a worthy conclusion to this life. He rejects the natural wish to found a dynasty, he denies the prerogative of birth and places in his leadership position the best man. Coming from a land where the preservation of the body after death was seen as the purpose of life, among a people who at that very time carried the body of their great ancestor Joseph with them—he suppressed the last natural wish and withdrew from the sight and sympathy of men, to die lonely and alone, so that the idolatrous feeling, ever ready to break forth, would not pay him in death the superstitious reverence that he had rejected in life. "No man knows the burial place to this day." But while the plundered pharaohs' tombs mock the vanity that erected them, the name of the Hebrew, who, tearing his people away from their tyranny, worked and planned for the upliftment of his fellow men, is still a shining light in the world today.
Show Original German Text
402 Sporadisch finden sich ethische Ideen von größerem Honzonte auch bei den Gnechen und Römem. Sokrates, die Geschichte der Gracchen, einzelne Stellen bei Sophokles beleuchten es genugſam. Jedoch seit dem Einzug des judaistischen Geistes in die Welt etablierte sich unter einer stets wachsenden Zahl von An- gehöngen aller Völker ein solcher ethischer Herois- mus, daß zum großen Teil ihm allein die Gewinnung dieſer Völker für die Kultur und für ziviliſatonsches Schaffen zuge- schneben werden kann. Wir müſſen den Judaiſmus, den freien jüdischen Geist, streng trennen von der Judaistik, d. h. der Wissenschaft von der in den heiligen Büchem der Juden festgelegten, bloß hi- stonsch zu betrachtenden Religionsliteratur. Gewiß ist letztere ein ungeheurer wichtiger Faktor für die Erziehung der jüdischen Psyche; aber doch auch nicht mehr Zeit. Wer kann zweifeln, daß der Gedanke größer war als sein bleibender Ausdruck? Und doch ist dieser Ausdruck in der ganzen Welt bis auf den heutigen Tag eine gewaltige Macht. Der Geist der Bibel hat Throne gestürzt und Pnesterherrschaft nie- dergeworfen, er stärkte den schottischen Convenanter in schweren Stunden und hieß den Puntaner ausharren in Eis und Schnee eines fremden Lan- des. — Durch ihre Lehren wie durch ihre Taten helfen ſolche Charaktere die Menschheit vorwärtsbnngen. Durch alles, was die Tradition uns aus seinem Leben benchtet, zieht sich die eine gleiche große Leidenschaft, das ſelbstloſe Streben, die Mensch- heit besser, glücklicher, edler zu machen. Und sein Tod ist ein würdiger Abschluß dieses Lebens. Er weist den natürlichen Wunsch von sich, eine Dynastie zu gründen, er vemeint das Vorrecht der Geburt und setzt an seine Führerstelle den besten Mann. Aus einem Lande kommend, wo in der Erhaltung des Körpers nach dem Tode der Zweck des Lebens geſehen wurde, unter einem Volk, das eben damals den Leichnam seines großen Vorfahren Josef mit sich führte — unterdrückte er den letzten natürlichen Wunsch und entzog sich den Blicken und der Sympathie der Menschen, um einſam und allein zu sterben, damit nicht das götzenſdienensche Ge- fühl, stets bereit hervorzuſuchen, im Tode ihm die abergläubische Ehr- furcht erweiſe, die er im Leben zurückgewieſen. „Kein Mensch kennt die Grabstätte bis auf diesen Tag.“ Aber wäh- rend die geplünderten Pharaonengräber der Eitelkeit spotten, die sie er- nchtete, ist der Name des Hebräers, der, von ihrer Tyrannei ſein Volk losreißend, für die Erhebung seiner Mitmenschen arbeitete und sann, noch heute ein leuchtendes Licht der Welt.