
Page 440 • Click to zoom
Page 440 of 568
388 ardently, also feels most deeply the insufficiency of life.
But suppose that after millions of years the human spirit had succeeded in completely transforming the world of elemental forces into a realm of reason, in being able to move all the levers of nature according to man's will, in eliminating everything that can disturb his happiness, in halting the cooling of the earth, in preventing mortality, in regulating the earth's approach to the sun and in opening up the neighboring planets to man: The end of this development, where every craving for pleasure could be immediately satisfied and every wish fulfilled at the first desire, would still be only — desolate wishlessness and weariness.
For the civilizational activity of man there are still goals and tasks; but no longer for man, once he has become a god. The progress of outer civilization alone cannot satisfy man; real warmth of life is given to him only by his inner culture. The pole of all life and striving seems to be the mood of the soul.
Deterred by the consequences that result from consistent thinking, many educated, liberal-minded circles, thoroughly averse to clericalism, have come to the opinion that the most reasonable thing is to keep people from all thinking outside their profession, and to let them find their satisfaction in religion again.
Never indeed has the number of wanton pleasure-seekers, of skeptics towards every ethic, of suicides, of neurasthenics been as great as in our time. This also corresponds to the image that the mirror of the Zeitgeist, our literature of today, mostly holds up to us: thoughtlessness, cynicism, pessimism, desolate hollowness.
The desolate barrenness of the materialistic worldview with its blind clockwork mechanism, which brutally documents everything spiritual and psychic as delusion, had to, through its destructive influence on the Zeitgeist, also in educated circles, blunt the interest in asking for a causa prima and for a goal in life, and lead to the phenomena of decadence
Show Original German Text
388 glühendsten bejaht, fühlt auch am tiefsten das Ungenügende des Lebens. Aber gesetzt den Fall, daß es nach Millionen Jahren dem Menschengeiste gelungen sein würde, die Welt der elementaren Gewalten vollkommen in ein Vemunftreich umzuwandeln, alle Hebel der Natur nach dem Willen des Menschen bewegen zu können, alles zu beseitigen, was sein Glück stören kann, die Er- kaltung der Erde aufzuhalten, die Sterblichkeit zu verhindem, die Sonnennäherung der Erde zu regeln und die benachbarten Planeten dem Menschen zu erschließen: Das Ende dieser Ent- wickelung, wo jede Vergnügungssucht ſofort befnedigt und jeder Wunsch beim ersten Verlangen erfüllt werden könnte, wäre doch nur — öde Wunschloſigkeit und Überdruß. Für die zivilisatonsche Thätigkeit des Menschen gibt es noch Ziele und Aufgaben; aber nicht mehr für den Menschen, wenn er einmal zum Gott geworden ist. Der Fortschntt der äußeren Ziviliſation allein kann den Menschen nicht befnedigen; wirk- liche Lebenswärme gibt ihm nur seine innere Kultur. Der Pol alles Lebens und Strebens scheint die Seelenstimmung. Durch die Konſequenzen, welche das folgenchtige Denken zur Folge hat, abschreckt, sind viele gebildete, freisinnige und dem Klenkalismus durchaus abholde Kreiſe zu der Meinung gelangt, daß es das Vemünftigste ſei, die Leute von allem außer- halb ihres Berufes liegenden Denken abzuhalten, und ſie ihre Befnedigung wieder in der Religion finden zu laſſen. Noch nie war in der Tat die Zahl der wüsten Genußjäger, der Skeptiker gegenüber jeder Ethik, der Selbstmörder, der Neurastheniker ſo groß wie in unſerer Zeit. Es entspncht dies auch dem Bild, das der Spiegel des Zeitgeistes, unſere heutige Literatur, meist uns entgegenhält: Gedankenloſigkeit, Zynismus, Peſſimismus, trostlose Hohlheit. Die öde Kahlheit der matenalistischen Weltauffassung mit ihrem blinden Räder-Mechanismus, der brutal alles Geistige und Seelische als Wahn dokumentiert, mußte durch ihren destruk- tiven Einfluß auf den Zeitgeist auch in gebildeten Kreisen das Intereſſe daran, nach einer cauſa pnma und nach einem Lebens- ziel zu fragen, abstumpfen und zu den Dekadence-Erscheinungen