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prevalence of Judaism and the Jewish spirit. The petition had no positive effect. At that time, in all intellectual camps, in all parties, there were people who regarded the Jews with great mistrust. Nothing united them but their position towards Judaism and the love for their people. Anti-Jewish congresses did take place in Dresden in 1882 and in Kassel in 1886. However, they received little public attention. They also had hardly any practical consequences, as the participants’ views diverged too widely. They were somewhat united only in the opinion that something had to be done against the arrogance of the Jews. On other issues, the views were fundamentally different. There was no such thing as an anti-Jewish party. Then a young librarian at the University of Marburg, Dr. Otto Boeckel, who was only connected by loose threads to like-minded people in Berlin, etc., proceeded on his own initiative. In 1887, he put himself forward as an anti-Jewish candidate for the Reichstag in the constituency of Marburg-Kirchhain Frankenberg and was elected.
In the Reichstag, Dr. Boeckel, as an individual, initially meant very little. But in Hesse, his importance soon rose to a completely unexpected level. He became a kind of peasant king. - The pressure from the Jews there, as O. Glaubrecht had described in his aforementioned book “The People and Their Drivers,” had increased to an unbearable degree. The numerous rural Jews had become rich as traders and usurers, but the peasants had become poor. Thousands of Hessian peasants worked only for the Jews, in whose debt bondage they were held. Entire villages were indebted to the Jews. One Jew “owned” one village, a second another. In their misery, the peasants had partly sunk into a lethargy that led them ever deeper into dependency. A neighbor could not sell a cow, a pig, or a hundredweight of grain to his neighbor without the Jew pushing his way in as a trader and broker. Dr. Boeckel struck these unbearable conditions like a thunderbolt. Thanks to his powerful gift of oratory, he was able to rouse the peasants from their lethargy. And once they had understood that the traditional conditions were not ordained by nature and God, they adapted more quickly than one would have expected. - Moreover, Boeckel was not only an uncommonly skilled speaker, but also an organizer. He founded a farmers' association that dealt with the purchase and sale of agricultural products and thereby made the Jews superfluous. In his agitation, Boeckel proceeded step by step. He moved from village to village, from district to district, leaving behind branches of his farmers' association everywhere. Thus he conquered the countryside systematically and for the long term. Everywhere he had confidants who were devoted to him and obeyed his every word. Soon his popularity grew so much that his arrival in a village was celebrated festively. The peasants felt that it was a liberator from oppressive dependence who was speaking to them; thus it was a moving incident when a peasant, who had marched for hours and therefore arrived a little too late for a meeting, lifted up his little daughter, whom he had brought with him, so that she could see Boeckel, and said to her: “Look at that man over there. God has sent him to us.”
Meanwhile, other anti-Jewish leaders had appeared on the scene. The passionate orator Dr. Henrici had spoken in a number of cities and caused a tremendous stir. But then a man soon came to the fore who was to be taken much more seriously: the former professional officer from the conservative camp, Max Liebermann von Sonnenberg. Mr. von Liebermann, a very important speaker and brilliant debater, traveled all over Germany and founded numerous anti-Jewish or
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Überhandnehmen des Judentums und des jüdischen Geistes zu ergreifen. Eine positive Wirkung hatte die Petition nicht. Es gab damals in allen Geisteslagem, in allen Parteien Leute, die den Juden mit großem Miſßtrauen gegenüberstanden. Sie einte nichts als ihre Stellung dem Judentum gegenüber und die Liebe zu ihrem Volke. Wohl fanden im Jahre 1882 in Dresden und 1886 in Kaſſel antijüdische Kongreſſe statt. Sie wurden aber von der Öffentlichkeit nur wenig beachtet. Sie hatten auch kaum praktische Folgen, da die Teilnehmer in ihren Ansichten zu weit auſeinandergingen. Einigermaßen einig waren ſie nur in der Meinung, daß etwas gegen die Anmaßung der Juden geschehen müſſe. In anderen Fragen waren die Ansichten grundverschieden. Eine antijüdische Partei kannnte man nicht. Da ging ein junger Bibliothekar der Univerſität Marburg, Dr. Otto Boeckel, den nur loſe Verbindungsfäden mit Geſinnungsgenoſſen in Berlin uſw. verbanden, auf eigene Faust vor. Er stellte ſich 1887 ſelbst als antijüdischer Reichstandskandidat im Wahlkreis Marburg-Kirchhain Frankenberg auf und wurde gewählt. Im Reichstag bedeutete Dr. Boeckel als einzelner zu nächst ſehr wenig. Aber in Heſſen stiege ſeine Bedeutung bald auf eine ganz unerwartete Höhe. Er wurde zu einer Art Bauemkönig. - Der Druck der Juden hatte ſich dort, wie O. Glaubrecht das in ſeinem oben erwähnten Buche "Das Volk und seine Treiber" geschildert hatte, ganz unerträglich gesteigert. Die zahlreichen Landjuden waren als Händler und Wucherer reich, die Bauem aber arm geworden. Tauſende heſſischer Bauem arbeiteten nur noch für die Juden, in deren Zinsknechtschaft ſie standen. Ganze Dörfer waren den Juden verpfichtet. Dem einen Juden "gehörte" das eine, dem zweiten das andere Dorf. In ihrem Elend waren die Bauem zum Teil in eine Lethargie verſunken, die ſie immer tiefer in die Abhängigkeit hineinführte. Der Nachbar konnte dem Nachbam keine Kuh, kein Schwein, keinen Zentner Getreide verkaufen, ohne daß der Jude ſich als Händler und Makler dazwischen drängte. Wie ein Donnerkeil fuhr Dr. Boeckel in dieſe unerträglichen Zustände hinein. Dank ſeiner gewaltigen Redegabe wußte er die Bauem aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Und als ſie erst begnffen hatten, daß die überkommenen Zustände nicht natur- und gottgewollt seien, da stellten ſie ſich schneller um, als man hätte erwarten ſollen. - Dabei war Boeckel nicht nur ein ungemein geschickter Redner, ſondem auch ein Organiſator. Er gründete einen Bauemverein, der ſich mit dem An- und Verkauf von landwirtschaftlichen Artikeln befaßte und dadurch die Juden überflüſſig machte. Dabei ging Boeckel in der Agitation Schntt für Schntt vor. Er zog von Dorf zu Dorf, von Kreis zu Kreis und ließ überall Filialen ſeines Bauemvereins zurück. So eroberte er das Land ſystematisch und für die Dauer. Überall hatte er Vertrauensmänner, die ihm ergeben waren und ihm aufs Wort gehorchten. Bald wuchs ſeine Beliebtheit ſo, daß ſeine Ankunft in einem Dorfe festlich begangen wurde. Die Bauem fühlten, daß es ein Befreier aus drückender Abhängigkeit war, der zu ihnen sprach; ſo war ein ergreifender Vorfall, daß ein Bauer, der einen stundenweiten Marsch hinter ſich hatte und daher etwas zu spät zu einer Verſammlung erschien, ſeine kleine Tochter, die er mitgebracht hatte, hoch hob, damit ſie Boeckel ſehen konnte, und ihr ſagte: "Sieh dir den Mann dort an. Den hat uns Gott geſandt." Inzwischen waren auch andere antijüdische Führer auf der Bildfläche erschienen. Da hatte der leidenschaftliche Redner Dr. Hennci in einer Anzahl Städte gesprochen und ungeheures Aufſehen erregt. Dann aber trat bald ein Mann in den Vordergrund, der weſentlich emster zu nehmen war: der ehemalige Berufsöffizier, aus dem konſervativen Lager stammende Max Liebermann von Sonnenberg. Herr von Liebermann, ein ſehr bedeutender Redner und glänzender Debatter, bereiste ganz Deutschland und gründete zahlreiche antijüdische bezw. - 318 -