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In the course of the 19th century, devotion to a neutral, commanding state, education, and property then merged into a firm scale of social values, by which the "citizen" was measured. The more this scale established itself, the smoother the assimilation of the Jews into the atomized acquisitive society proceeded. The revolution of bourgeois society, the "Great" Revolution of 1789, brought the Jews the possibility of political rule. The Jews from the Quartier des Carmélites in Paris appeared as heroes of the barricades in the National Assembly, which was supposed to pave their way to power. Clermont-Tonnerre said in the National Assembly in 1791 that free France wanted to grant them "everything as human beings," but "nothing to the Jews as a nation." Since then, the Jews have always demanded their claim to emancipation "as human beings," i.e., as the theoretically constructed "human beings as such" of bourgeois thought, but have then used their freedom only as a "nation." Those words of Clermont-Tonnerre show the fundamental error of bourgeois society, which the Jews have thoroughly exploited in the 150 years since the Revolution, that any person exists "as a human being" and leads a real existence detached from his living community of peers. Not without reason did the Jewish youth of the Rhineland cheer the "ghetto stormer" Napoleon, who, as a successor to the bourgeois revolution, forced the blessings of Jewish emancipation upon occupied Germany (Prinz, p. 24).
The individual German states slowly followed the example of bourgeois France. At the beginning of the century, they did lift the special restrictions on Jews, and also granted a certain degree of formal equality, but they repeatedly shied away from granting full citizenship. The Prussian Edict of 1812, the Bavarian of 1813, the Baden one of 1807, etc., remained at this stage. The German people resisted even these concessions. After various intermediate stages, the Basic Rights of 1848 declared the complete equality of all citizens; but they sank again with the entire revolutionary period. On July 3, 1869, the North German Confederation finally enacted a law according to which "all still existing restrictions on civil and civic rights derived from differences in religious confession" were abolished, i.e., that the way into the state was opened for Jewry, which presented itself as a "religious community." The southern German states had preceded with similar measures or adopted the imperial legal regulation after 1871. Only the unwritten law of völkisch instinct continued to resist, even in the time of the Second Reich. In 1918, the surrender of all political possibilities to the mass of "citizens" without regard to their kind followed, if only they could prove themselves to voters, authorities, and party bosses through property or education. The path that the 18th century had taken with its "modern" concept of the state, its Enlightenment, and its early capitalism, now led to its goal. The state of bourgeois society was open to the Jews.
Liberalism It is therefore not surprising that the Jews fought for this state of bourgeois society and its political conviction, liberalism. Rabbi Prinz rightly complains in 1934: "The chance of liberalism has been squandered. The only political form of life that was willing to promote the assimilation of Jewry has perished" (p. 150). The Jews Ernst Feder and Ellbogen state in the Encyclopaedia Judaica about their politically active fellow people: "On the whole, liberalism predominates." "Jews stood at the forefront of the bourgeois 'revolution'" (Rudolf Schay: "Die Juden in der deutschen Politik," Berlin 1929, p. 307). Liberalism with its doctrine of human equality and the "freedom" of the individual enabled their solidary cooperation under the mask of neutral individuals. It benefited them. Its
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Im Laufe des 19. Jahrhunderts verschmolzen dann die Ergebenheit gegen einen neutralen, befehlenden Staat, die Bildung und der Beſitz zu einer festen Skala geſellschaftlicher Werte, mit denen man den "Staatsbürger" maß. Je mehr ſich dieſe Skala durchſetzte, desto glatter ging die Einschmelzung der Juden in die atomiſierte Erwerbsgeſellschaft vonstatten. Die Revolution der bürgerlichen Geſellschaft, die "Große" Revolution von 1789, brachte den Juden die Möglichkeit zu politischer Herrschaft. Die Juden aus dem Quartier des Carmélites in Pans erschienen als Helden der Barnkaden in der Nationalverſammlung, die ihnen den Weg zur Macht ebnen ſollte. Clermont-Tonnerre ſagte 1791 in der Nationalverſammlung, daß ihnen das freie Frankreich "als Menschen alles", doch "den Juden als Nation nichts" gewähren wolle. Die Juden haben ſeitdem stets ihren Emanzipationsanspruch "als Menschen", d.h. als die theoretisch konstruierten "Menschen an ſich" der bürgerlichen Gedanken gefordert, haben dann aber ihre Freiheit eben nur als "Nation" benutzt. Jene Worte Clermont-Tonnerres zeigen den Grundirrtum der bürgerlichen Geſellschaft, den die Juden in den 150 Jahren ſeit der Revolution gründlich ausgenutzt haben, daß irgendein Mensch "als Mensch" existiere und losgelöst von ſeiner lebendigen Nächstenruppe ein wirkliches Daſein führe. Nicht ohne Grund jubelte die jüdische Jugend des Rheinlands dem "Gettostürmer" Napoleon zu, der dem beſetzten Deutschland die Segnungen der Judenemanzipation als Fortſetzer der bürgerlichen Revolution aufzwang (Pnnz, S. 24). Die einzelnen deutschen Staaten folgten langſam dem Beispiel des bürgerlichen Frankreich. Zu Anfang des Jahrhunderts hoben ſie zwar die beſonderen Einschränkungen für die Juden auf, gewährten auch ein gewiſſes Maß formaler Gleichberechtigung, scheuten aber vor der Zuerkennung des Vollbürgertums immer wieder zurück. Auf dieſer Stufe blieb das preußische Edikt von 1812, das bayensche von 1813, das badische von 1807 usw. Auch gegen dieſe Zugeständniſſe wehrte ſich das deutsche Volk. Nach verschiedenen Zwischenstufen erklärten die Grundrechte von 1848 die völlige Gleichheit aller Staatsbürger; ſie verſanken aber wieder mit der geſamten Revolutionszeit. Am 3. Juli 1869 schließlich erließ der Norddeutsche Bund ein Geſetz, nach dem "alle noch bestehenden, aus den Verschiedenheiten des religiöſen Bekenntniſſes hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte" aufgehoben wurden, d.h. daß dem Judentum, das ſich ja als "Religionsgemeinschaft" gab, der Weg in den Staat geöffnet wurde. Die ſüddeutschen Staaten waren mit ähnlichen Maßregeln vorangegangen oder übemahmen die reichsgeſetzliche Regelung nach 1871. Nur das ungeschnebene Geſetz des völkischen Instinktes wehrte ſich weiter auch in der Zeit des Zweiten Reiches. 1918 brachte dann die Auslieferung aller politischen Möglichkeiten an die Maſſe der "Staatsbürger" ohne Rückſicht auf ihre Art, wenn ſie ſich nur durch Beſitz oder Bildung vor Wählem, Behörden und Bonzen ausweiſen konnten. Der Weg, den das 18. Jahrhundert mit ſeinem "modemen" Staatsgedanken, ſeiner Aufklärung und ſeinem Frühkapitalismus eingeschlagen hatte, führte jetzt zum Ziel. Der Staat der bürgerlichen Geſellschaft stand den Juden offen. Liberalismus Es nimmt alſo nicht wunder, daß die Juden für dieſen Staat der bürgerlichen Geſellschaft und ſeine politische Geſinnung, den Liberalismus, gekämpft haben. Der Rabbiner Pnnz klagt 1934 mit Recht: "Die Chance des Liberalismus ist verspielt. Die einzige politische Lebensform, die die Aſſimilation des Judentums zu fördem gewillt war, ist untergegangen" (S. 150). Die Juden Emst Feder und Ellbogen stellen in der Encydopædia Judaica über ihre politisch aktiven Volksgenoſſen fest: "Im ganzen überwiegt der Liberalismus." "Juden standen bei der bürgerlichen 'Revolution' in vorderster Kampflinie" (Rudolf Schay: "Die Juden in der deutschen Politik", Berlin 1929, S. 307). Der Liberalismus mit ſeiner Lehre von der menschlichen Gleichheit und von der "Freiheit" der einzelnen ermöglichte ihnen ihr ſolidansches Zuſammenarbeiten in der Maſke der neutralen einzelnen. Er nützte ihnen. Seine - 113 -